Schattenwege

Schattenwege


08
Feb
Gewalt in der Ehe
08.02.2013 11:37

Rückblende:

Nach dem ersten Mal waren wir beide geschockt gewesen. Ich hatte mir meine Wange gehalten und ihn mit weit aufgerissenen, vor Entsetzen geweiteten Augen angestarrt. Nicht anders war es bei ihm gewesen. Der Schock, den ich in seinem Blick wiederfand, erschreckte mich nur umso mehr. Wie versteinert fühlte sich mein Körper in diesem Augenblick an. Ich war unfähig auch nur ein Wort zu sagen. Meine Kehle wollte schreien, aber nichts Drang daraus hervor. Meine Beine wollten fliehen, aber sie leisteten keinen Dienst. Als er sich aus seiner Versteinerung lösen konnte, bewegte er sich extrem langsam. Ich hatte fast das Gefühl, alles würde in Zeitlupe ablaufen. Er hob besänftigend seine Hände vor den Körper und sprach ruhig auf mich ein. Ich verstand nicht, wieso er das tat. Er redete, als würde ein kleines, verängstigtes Kind vor ihm stehen. Ich hatte nicht einmal mitbekommen, wie ich bei der ersten Bewegung von ihm zusammengezuckt war. Ihm jedoch war das nicht entgangen.

Ich hatte keine Ahnung, wie es nun, da diese Gewalt zum ersten Mal geschehen war, weitergehen würde. Aber ich wusste genau, dass ich ihn brauchte, dass ich ihn liebte und dass ich einfach nicht zulassen konnte, ihn zu verlieren, selbst wenn dies alles ein Teufelskreis werden würde. Also versöhnten wir uns wieder. Dennoch sollte die Gewalt in unserer Ehe noch lange anhalten. Mit jedem neuen Streit wurde er rücksichtsloser in seinen Schlägen, seine Brutalität nahm zu. Es erschien mir fast, als würde er denken, ich würde mit jedem weiteren "Ausrutscher" immer mehr gegen seine Schläge immun werden.

 

Wenn ich zurückdenke, an die Zeit, an das erste Mal als ich sie schlug, wird mir übel. Damals hat dieser ganze Wahnsinn angefangen. Ich schämte mich. Eigentlich empfand ich nach jedem einzelnen Mal, das ich sie schlug, Scham und tiefste Abscheu vor mir selbst. Ich weiß nicht einmal mehr, wieso ich sie damals angriff. Dass ich es tat, ist schlimm genug. Dass ich seitdem nicht mehr aufhören konnte, ist einfach nur abartig. Ich weiß nicht, wieso ich nie die Kraft fand, mich unter Kontrolle zu bringen. Ob es das Gefühl der Macht war, dass mir die Schläge gaben? Das Gefühl, welches man hat, wenn man der Stärkere ist und sich gegen jemand anderen durchsetzen kann? Ich weiß es nicht. Aber ich werde niemals dieses allererste Mal, als es passierte, vergessen. Sie war so geschockt gewesen. Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. Niemals mehr in meinem Leben werde ich den Ausdruck des Entsetzens, der in ihrem Blick lag, aus meinem Gedächtnis streichen können. Wie ein kleines, verstörtes Mädchen stand sie da, stock steif, als wäre sie aus Stein gemeißelt. Ich hatte damals wirklich Anst, sie würde zerspringen, wenn ich mich nur zu schnell bewegen würde. Es war ein furchtbarer Augenblick, furchtbare Sekunden, Minuten und Stunden an diesem furchtbaren Tag. Komischerweise kann ich mich kaum noch an das erinnern, was danach geschah. Die Versöhnung habe ich wohl völlig ausgeblendet. Nur ihr Blick hat sich bis heute in meine Netzhaut eingebrannt. Warum nur, schlug ich dennoch immer wieder zu?

 

 

Gegenwart:

Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Ist es schon so schlimm, dass ich eine Anzeige machen soll? Muss ich denn wirklich die Polizei einschalten? Und selbst wenn ich das tue, wer garantiert mir, dass sie mir glauben? Ich weiß, dass er mit ein paar Leuten von der hiesigen Polizei befreundet ist. Manchmal gehen sie sogar zusammen weg. Was ist also, wenn mein Mann nun behauptet, ich wäre nur gestolpert und hätte mich beim Sturz verletzt? Er würde sicher sagen, ich würde ihn nur anzeigen wollen, weil ich Rache wegen dem letzten Streit, den wir hatten, haben wollte. Wahrscheinlich werden sie mir nicht glauben. Auch wenn sie es glauben würden, hätte das keinerlei Nutzen für mich. Ich will doch nicht, dass er ins Gefängnis kommt. Ich liebe ihn doch. Im Grunde trage sowieso ich die Schuld dafür, dass er mich schlägt. Würde ich einfach nur den Mund halten, wenn er in Rage gerät, dann würde es gar nicht soweit kommen. Aber ich muss ja immer sagen, was in meinem Kopf vorgeht. Was bin ich nur für eine dumme, naive Göre. Sagt er das nicht auch immer? Ich wünsche mir so sehr, dass es endlich wieder normaler in unserer Ehe wird, dass seine "Ausrutscher" einfach weg fallen. Das Problem ist, dass es eher immer schlimmer wird. Er trägt seine Eskapaden auf meinem Rücken aus. Er hurt herum, schleppt eine nach der anderen ab und gibt sich mittlerweile nicht einmal mehr die geringste Mühe, dies vor mir zu verbergen. Wie oft ist er nun schon völlig betrunken nach Hause gekommen und hat mir, nur wegen der Frage wo er denn gewesen sei, eine geknallt? Wie oft weine ich nun schon des Nachts, heule mir die Seele aus dem Leib, nur wegen ihm? Er schlägt mich, schubst mich, stößt mich nur herum. Er spielt mit meinen Gefühlen und schändet und tötet meine Seele mit jedem weiteren Streit ein bisschen mehr. Doch verlassen kann ich ihn nicht. Zu groß ist meine Angst davor, allein dazustehen. Zu viel würde das Gefühl der Einsamkeit wiegen. Ich liebe ihn noch immer, so verrückt es auch klingen mag. Er hat mir so viel gegeben seit ich ihn kenne und ich will einfach nicht zulassen, dass alles, was wir miteinander durchgemacht und erlebt haben, umsonst gewesen ist. Nein! So darf es nicht sein! Wir müssen gemeinsam einen Weg finden. Einen Weg, der zurück ins Glück führt und den wir gemeinsam bestreiten können. Ich gebe die Hoffnung darauf nicht auf.

 

Ich bin ein schrecklicher Mensch. Wenn ich ein guter Mensch wäre, hätte ich schon längst damit aufgehört, meine Frau wie Dreck zu behandeln. Ich werde sicher in die Hölle kommen, sollte es eine Hölle geben. Ich verachte mich selbst zutiefst. So viele Dinge mache ich falsch. Als würde es nicht schon reichen, dass ich sie in meiner Wut, die sich immer wieder durch meine Hilflosigkeit entwickelt, schlage. Nein, ich Idiot muss sie auch noch vor allen Leuten demütigen, indem ich meine Affären offen austrage. Affären, die ich eigentlich nicht mal will. Affären, die vollkommen unnötig sind. Jedes Mal wenn ich in ihr wunderschönes Gesicht sehe, erkenne ich die Narben und Risse, die ich ihr im Laufe der Jahre zugefügt habe. Ich sehe sie, obwohl viele davon schon nicht mehr sichtbar sind, denn ihre Wunden sind erstaunlich gut verheilt. Was für ein Unsinn! Nichts davon ist wirklich verheilt. Vielleicht hat sich die Haut regeneriert, aber die Verletzung, die ich ihr zufügte, wird immer bleiben. Sie muss mich einfach hassen. Es geht gar nicht anders. Wie sollte jemand ein Monster wie mich lieben können? Ich bin sicher sie verabscheut mich noch mehr, als ich mich selbst verabscheue. Ich gehe sehr oft weg, um sie vor mir zu schützen, aber es nützt meistens nichts, denn wenn ich weggehe, trinke ich. Wenn ich trinke, bin ich noch unberechenbarer. Ich werde dann meist schon bei den einfachsten Fragen wütend und schlage zu. Warum? Warum habe ich mich so wenig im Griff? Das kann so einfach nicht weitergehen. Ich will ihr das nicht noch länger antun. Vielleicht sollte ich einfach aus ihrem Leben verschwinden? Oder ganz aufhören zu existieren? Was für andere Wege gibt es denn? Sollte ich mich vielleicht selbst anzeigen? Ich denke nicht, dass meine Freunde bei der Polizei mir glauben würden. Viel eher würden sie es für einen schlechten Scherz meinerseits halten. Also fällt das wohl weg. Ich glaube, viele Möglichkeiten bleiben mir nicht mehr. Ob wir noch einen gemeinsamen Weg finden? Ich bezweifle es so langsam. Aber vielleichtist es möglich. Sollte ich die Hoffnung doch noch nicht aufgeben?

 

 

4 Jahre später:

Wir hatten lange überlegt, bevor wir etwas unternommen haben. Als wir beide an dem Punkt waren, nicht mehr weiter zu wissen, fingen wir endlich an miteinander zu reden. Wir waren uns einig, dass unsere Ehe und unsere Liebe zu Grunde gehen würden, wenn wir nicht einen Weg fänden, die Gewalt endlich zu unterbinden. Also dachten wir gemeinsam über die verschiedenen Möglichkeiten nach. Als er mir einige von seinen nannte, war ich zutiefst erschrocken gewesen, das weiß ich noch. Wenn ich bedenke, dass er wochenlang, vielleicht sogar monatelang darüber nachgedacht hatte, Selbstmord zu begehen und das ausschließlich um mich vor seinen Übergriffen zu schützen, bekomme ich heute noch Gänsehaut. Eigentlich wäre es so einfach gewesen, aus unserem Teufelskreis von damal herauszukommen. Jetzt wissen wir das und lachen über unsere Naivität. Wir entschieden uns gemeinsam, eine Paartherapie zu machen. Anders als viele der anderen Paare, zogen wir diese Therapie auch durch. Es war, als hätte seitdem jemand einen Schalter umgelegt. Er wurde nie wieder handgreiflich mir gegenüber und hat sich besser im Griff, als jemals zuvor. Unsere Ehe läuft sehr harmonisch. Wir reden viel mehr miteinander, teilen uns unsere Ängste und Sorgen mit, genauso wie wir uns von den schönen Seiten erzählen. Meine Liebe zu ihm ist stärker geworden, entgegen meinen Erwartungen. Ich dachte vorher immer, die Liebe würde im Laufe der Ehe immer weiter abnehmen. Doch das ist bei uns nicht der Fall. Wir sind glücklich, das ist alles was zählt. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich niemals die Hoffnung aufgegeben habe.

 

Unsere Ehe läuft meiner Meinung nach viel besser. Nachdem wir eine ganze Weile hin und her überlegt haben, was wir tun könnten um sie zu retten, kamen wir schließlich auf den Weg der Paartherapie. Die anderen Vorschläge waren auch meist zu grotesk. Lachen musste ich jedoch damals, als sie mir von ihren Gedanken erzählte, was das Einschalten der Polizei anging. Den Vorschlag von ihr, unsere Freunde mit einzubinden, empfand ich erst nicht als ratsam. Die Therapeutin schlug allerdings später dasselbe vor, also erzählten wir allen Freunden und Verwandten, was in unserer Ehe passiert war und das wir daran arbeiten wollten. Die Meisten waren erschrocken gewesen, aber sie fanden es gut, dass wir nun die Therapie machten. Und das gab uns die nötige Kraft und den Anreiz, sie auch durchzuziehen. Wenn ich mir unsere Ehe jetzt ansehe, dann muss ich sagen, dass ich sehr zufrieden bin. Seitdem wieder mehr Gespräche zwischen mir und meiner Frau stattfinden, läuft es einfach besser. Wir sind glücklich. So denke ich also, dass unser Weg der Richtige war. Scherzhaft sage ich oft zu ihr: "Wer weiß, vielleicht komme ich ja nun doch nicht mehr in die Hölle." Nur ich weiß jedoch, dass diese Aussage meinerseits ihre Gründe hat. Die Hoffnung nicht aufzugeben, war für uns der Schlüssel für unser jetziges Glück.

Gespräch unter Krankheiten
Zukunftsträume

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